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Rubrik: Leichter Lesen
17. Juli 2005

Leben nach einem Unfall mit einer schweren Kopfverletzung

von Franz Hoffmann und Gerhard Wagner

Wenn nach einem Unfall der Kopf und das Gehirn verletzt ist, dann werden die Leute zuerst bewusstlos. Die Verletzung des Gehirns nennt man auch "Trauma". Die Bewusstlosigkeit heißt auch "Koma". Viele Ärzte sagen, das wird nicht besser. Aber diejenigen, die das erlebt haben und ihre Angehörigen wissen es besser: Sie berichten über große Verbesserungen und über Leistungen, die ihnen die Ärzte nie zugetraut haben. Sie haben sich zusammengetan und eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Der medizinische Fortschritt bringt viel für diese Selbsthilfegruppe, wenn man ihn richtig anwendet. Der richtige Weg in der Behandlung führt zu überraschenden Verbesserungen. Damit haben die Betroffenen und ihre Angehörigen eine bessere Lebensqualität.

Eine dieser Selbsthilfegruppen ist in Mauer-Öhling in Niederösterreich. Dort haben zwei Reporter von Freak-Radio eine Sendung aufgenommen. Reporter sind Journalisten, die vom Ort des Geschehens berichten.

Ärzte machen keine Hoffnung

Alexandra Androsch stellt die Selbsthilfegruppe vor. Sie selbst ist Mitglied geworden, weil ihr Mann einen schweren Unfall gehabt hat. Ihr Mann war zuerst schon ein Jahr im Koma und dann schwer behindert.

Die Ärzte waren der Ansicht, die Behinderung wird nicht mehr besser und ihr Mann wird Pflegefall bleiben. Daraufhin hat die ganze Familie gekämpft, dass ihr Herr Androsch zur Rehabilitation fahren kann. Rehabilitation bedeutet, dass die Behinderung durch gezielte Übungen verbessert wird.

Was man bei der Selbsthilfegruppe lernt

Viele Leute in der Selbsthilfegruppe haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Deshalb haben sie auch gewusst, wo es gute Ärzte und gute Hilfsmittel gibt - auch wo man Geld für die Behandlung bekommen kann. Das hat Frau Androsch durch die Selbsthilfegruppe erfahren. Für sie ist die Selbsthilfegruppe wie eine große Familie. Sie hat viel Respekt vor den Anstrengungen aller. Das gibt ihr viel Kraft.
Auch Interessierte sind dabei, die nicht selbst betroffen oder Angehörige sind.

"Komplett allein gelassen"

Eine Mutter, Frau Raffetseder, erzählt vom Unfall ihrer Tochter 1992. Sie hat sich in der Zeit, als die Tochter im Spital war, komplett allein gelassen gefühlt. Nach 6 Wochen hat die Tochter das linke Auge geöffnet. Da haben die Ärzte gesagt, das kann ein Dauerzustand sein: Dass die Tochter ihr ganzes Leben das eine Auge offen, das andere geschlossen haben wird.
Das war aber zum Glück nicht der Fall. Daraufhin hat sich Raffetseder entschlossen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, weil man gemeinsam stärker ist.

Jene Tochter, über die die Ärzte gesagt haben, dass das ein Dauerzustand ist, spricht auch in der Radiosendung. Sie spricht davon, dass die Selbsthilfegruppe ihrer Mutter sehr geholfen hat.

"Die Hoffnung nie aufgeben"

Frau Ingeborg Kastner spricht von ihrer Tochter Tanja, die mit 12 Jahren einen schweren Unfall hatte. Auch ihr haben die Ärzte gesagt, dass Tanja ewig ein Pflegefall bleiben wird. Sie konnte damals nicht selbständig essen.

Dann kam sie in das Krankenhaus Rosenhügel in Wien und es gab viele Fortschritte. Frau Kastner hat mit Frau Raffetseder von der Selbsthilfegruppe viel telefoniert. Das war wichtig. Sie sagt: Man soll die Hoffnung nie aufgeben. "Sie sehen ja, was jetzt aus meiner Tochter geworden ist." Die Tochter ist sogar Mutter geworden und ist mit ihrem Kind da.

Dass sie die Selbsthilfegruppe entdeckt hat, war ein großer Vorteil für sie. Kein Arzt kann so viel helfen wie eine Selbsthilfegruppe. So eine Selbsthilfegruppe kann sie allen nur empfehlen.

Frau Androsch gibt auch den Tipp, dass Angehörige sehr aufpassen, dass die Ärzte keine Fehler machen. Nicht immer sind die Ratschläge der Ärzte auch gleich die besten. Daher sollen die Angehörigen auch einen zweiten oder dritten Arzt fragen. Immer in Bewegung bleiben, sagt sie. Die Betroffenen sollen nach dem Unfall gleich eine gute Behandlung bekommen. Auch da können die Angehörigen helfen.

Erlebnisse der Bewusstlostigkeit

Herr Androsch, der 6 Monate im Wachkoma war, spricht: Die Intensivstationen sind gut. Aber die Ärzte wissen zu wenig. Es ist wichtig, dass alle wissen, dass eine Verletzung des Gehirns keine Endstation ist.

Er hatte auf der Autobahn einen Reifenplatzer. Er ist mit dem Auto abgestürzt. Zuerst haben die Ärzte geglaubt, dass er sterben wird. Seine Eltern haben sich um die beste Versorgung gekümmert und haben alle Informationen gesammelt - mit viel Mühe. Das ist heute viel leichter durch Selbsthilfegruppen.

Eine andere Frau berichtet davon, dass die Ärzte immer schlechte Voraussagen gemacht haben. Ihr Mann konnte den Finger bewegen. Darauf haben sie gesagt: Das ist Wunschdenken der Angehörigen. Es hat Wochen gedauert, bis die Ärzte Fortschritte anerkannt haben.

Wenn die Selbsthilfegruppe nicht zusammengeholfen hätte, wäre es sehr schwierig für sie gewesen. Jetzt spricht ihr Mann wieder. Aber am Anfang haben die Ärzte gesagt: Der Mann wird nie mehr wieder sprechen. Das war falsch.

Es gibt Leute, die können sich an alles erinnern, was sie im Koma (in der Bewusstlosigkeit) erlebt haben.
Herr Androsch berichtet, dass er während der Bewusstlosigkeit Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden konnte. Allmählich konnte er wieder Sachen erkennen und unterscheiden.

Während seiner Bewusstlosigkeit hat er schon Durst und Hunger gehabt und bemerkt, wenn jemand da war. Das hat ihm sehr geholfen. Er hat alle Bewegungen wieder von Neuem lernen müssen.

Viele verschiedene Erlebnisse

Je nachdem, wie die Verletzung war, sind auch die Behinderungen anders. Selbst mit ähnlichen Verletzungen gibt es ganz unterschiedliche Krankengeschichten.

Manche berichten auch davon, dass sie alles erleben und hören, aber dass sie nicht reagieren konnten. Daher ist es für solche Leute wichtig, dass etwa ihre Lieblingsmusik hören.
Das bestätigen auch die Betroffenen.

Die Angehörigen berichten auch: Es gibt Anzeichen, an denen man schon feststellen kann, was den Menschen gut tut. Daraus kann man ablesen, was die Betroffenen möchten und was nicht. Fieber kann ein Hinweis sein, dass etwas nicht in Ordnung ist oder Schlaflosigkeit.

Manche Angehörigen haben auch Tests gemacht: Die Tochter hat immer zu den Leuten geschaut, die man ihr gesagt hat. So sind die Eltern auch draufgekommen, dass sie rechnen kann und die Geburtstage aller Verwandten noch gewusst hat. Nur sagen konnte sie es nicht. Denn das Sprechen war in der Anfangszeit nach dem Unfall unmöglich.

Traum oder Wirklichkeit?

Herr Androsch spricht von der Zeit seiner Bewusstlosigkeit: Wenn das Umfeld nicht angenehm ist, dann bleibt man in der Traumwelt.
Auch er hat Leute, die gestorben sind, in der Bewusstlosigkeit gesehen.

Einmal ist es ihm sehr schlecht gegangen und er ist beinahe gestorben. Da hat er plötzlich seinen Freund in Wels gesehen, mit dem er in die Schule gegangen ist. Ein halbes Jahr später hat ihm der Freund erzählt, dass er an diesem Tag das Gefühl hatte, er steht neben ihm. Als ihm Herr Androsch erzählt hat, dass er ihn im Koma gesehen hat und das kein Zufall war, ist er fast erschrocken.

Die Treffen in der Selbsthilfegruppe sind für viele eine große Hilfe. Wichtig ist, dass die Betroffenen immer von ihrer Familie und den Freunden begleitet werden, dann gibt es Fortschritte.

Im Internet kann man weitere Informationen hier nachlesen: Wer hier klickt, bekommt die Informationen auf einer neuen Seite.

Sendungsverantwortlich: Peter Steinkellner


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