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Rubrik: Lesen statt Hören
04. September 2005

Das Freak-Sommerinterview

von Gerhard Wagner

Diesmal spricht Gerhard Wagner mit der Leiterin der Wiener Assistenzgenossenschaft Dorothea Brozek über die Entwicklung des Pflegegeldes, die Potentiale der Persönlichen Assistenz auf dem Arbeitsmarkt, die Aktivierung von Menschen mit Behinderung auf politischer Ebene und die Chancen auf ein adaequates Angebot von Persönlicher Assistenz vor allem in Wien.

Moderator, Gerhard Wagner: Herzlich willkommen bei Freak-Radio. Diesmal begrüße ich die Leiterin der Wiener Assistenzgenossenschaft, Dorothea Brozek, zu einem Sommerinterview. Einerseits haben wir wegen der Wien-Wahlen einen kleinen Schwerpunkt gewählt, denn auch nächste Woche hören Sie in einer Diskussion mit Politikern mehr zu diesem Thema. Andererseits ist der Sommer ist die Zeit, in der wir alle mehr Zeit haben, Dinge zu reflektieren, die oft im Alltag untergehen. Deshalb habe ich zunächst einmal nach dem Stand der Menschen mit Behinderungen in Österreich nach Beschluss des heurigen Gleichstellungsgesetzes befragt.

Mag. Dorothea Brozek: Ich würde die Situation behinderter Menschen in Österreich so umschreiben, dass Österreich jetzt auch nicht umhin kommt, in Richtung Gleichstellung behinderter Menschen jetzt endlich Gesetze zu beschließen. Jetzt "hoppeln" wir endlich dem Europäischen und dem Internationalen Trend ein wenig nach.
Wir wissen ohnehin, dass der Entwurf nicht das "Gelbe vom Ei" ist, und das die Behindertenbewegung das Bundes-BehindertenGleichstellungsgesetz, das jetzt beschlossen worden ist, sehr kritisch betrachtet. Ich denke einerseits, dass aller Anfang schwer ist, natürlich stehe ich auch hinter der Kritik, voll und ganz - aber endlich ist es gemacht!

Freak-Radio: Im Sinne von: Ein Anfang ist gemacht?

Mag. Dorothea Brozek: Ja. Ich denke wirklich, dass ein Anfang gemacht ist und ich denke auch, dass man die Dinge immer auf zwei Gleisen betrachten muss: Einerseits zu schauen, dass wir als InteressensvertreterInnen das meiste für unsere Gruppe herausholen, und natürlich ist es unsere Aufgabe, dann berechtigter Weise zu kritisieren, nicht zufrieden zu sein und auf die Barrikaden zu steigen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch wie Leichtathleten, wie Sprinter, nach dem großen Sprung kurz verharren und durchaus sagen, o.K., es ist einmal ein Anfang, und wie machen wir weiter?

Freak-Radio: Höre ich da eine gewisse Pragmatik heraus, nämlich in der Situation das herauszuholen, was herauszuholen ist, um morgen vielleicht wieder herauszuholen, was morgen herauszuholen ist?

Mag. Dorothea Brozek: Ja. Also, ganz in diesem Sinne verstehe ich auch mein Engagement in dem speziellen Themenbereich "Persönliche Assistenz für behinderte Menschen". Ich kann sagen, dass wir mit unserem Team der Wiener Assistenzgenossenschaft ganz im Sinne dieses Pragmatismus so gearbeitet haben. Und wir sind ein großes Stück weitergekommen in diesen nicht einmal noch vier Jahren... Genau diese Haltung war notwendig für die kleineren und größeren Erfolge. Und die hatten wir bis jetzt durchaus!

Freak-Radio: Bleiben wir vielleicht noch ein wenig bei den politischen Rahmenbedingungen: Wir haben jetzt von der Gleichstellung geredet. Es sind ja in den letzten Jahren, gerade, was Persönliche Assistenz betrifft, einige Weichenstellungen geschehen. Die letzte liegt zwölf Jahre zurück, nämlich die Einführung des Pflegegelds, das aber mittlerweile nicht mehr der damaligen Kaufkraft entspricht, weil es kaum Evaluierungen, also Anpassungen an die Inflation gegeben hat. Man hört auch immer wieder, dass man nicht mehr jene Pflegegeldstufe bekommt, die man vielleicht früher bekommen hätte und die dem Bedarf entsprechen würde.
Auf der anderen Seite ist es seit zirka zwei Jahren möglich, Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz zu bekommen. Daher meine Frage: Ist die Situation, von den Strukturen her, einfacher oder schwieriger geworden?

Mag. Dorothea Brozek: Das ist eine sehr schwierige Frage! Die Einführung des Bundespflegegeldes war sicher ein ganz elementarer Schritt! Es gab drei wichtige Pfeiler: Die Unabhängigkeit vom Einkommen, die Unabhängigkeit von der Ursache der Behinderung und die Tatsache einer Direktleistung an die betroffenen behinderten Menschen, also ganz wichtige Dinge für ein selbstbestimmtes Leben!
Zwei Dinge, die wirklich die Selbstbestimmung behinderter Menschen hemmen: Einerseits weil nach dem ersten Schritt in die richtige Richtung, als die das Pflegegeld bezeichnet wurde, keine weiteren folgten - bzw. die Schritte, die erfolgten, waren eine Verschlechterung nach der anderen!

Und wenn wir vielleicht ein paar wenige Verbesserungen finden, dann wiegen diese die Verschlechterungen nicht auf, auf keinen Fall! Das Jahrhundertgesetz verkümmert also langsam zu einem altmodischen Konstrukt nach dem medizinischen Modell der Behinderung. Und das ist der zweite Punkt, den ich sehr kritisiere, nämlich grundsätzlich, was die Selbstbestimmung behinderter Menschen und den Sichtwechsel von Behinderung angeht: Denn hier wurde nicht weiter entwickelt, denn hier wird weiterhin Behinderung ausschließlich vom medizinischen Blickwinkel betrachtet! Denn hier werden behinderte Menschen auf Nachtkastl und Bett reduziert - in ihren "Hilfe- und Betreuungsverrichtungen", wie es in der Verordnung heißt. Sie werden nicht als Menschen oder Bürger und Bürgerinnen dieses Landes betrachtet, die sich frei bewegen können, sollen, müssen und auch zum Beispiel Berufe ergreifen und Familie haben.
Das berücksichtigt das Pflegegeld nicht. Und das ist ein großes Problem!

Freak-Radio: Medizinisches Modell aufs Pflegegeld bezogen: Heißt das, dass man da Ärztliche Diagnosen braucht, mit ärztlichen Kalkulationen, welcher Bedarf es am Tag für welche Dinge gibt. Ist das damit gemeint? Und was wäre die Alternative?

Mag. Dorothea Brozek: Dass eben Mediziner Gutachten stellen. Mediziner arbeiten mit Diagnosen. Das heißt, dass Diagnosen der erste Punkt ist, der für ein Gutachten zählt - wobei man schon sagen muss, MedizinerInnen lernen vom Alltag behinderter Menschen nichts in ihren Ausbildungen, sondern die lernen etwas ganz Anderes! Wir müssen uns schon alle miteinander mittelfristig die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, mit diesem medizinischen Blickwinkel hinzusehen:

Denn was nützt eine Diagnose, um dann herauszufiltern, was der Mensch alles nicht kann und man den praktischen Alltag dann überhaupt nicht betrachtet, also da brauchen wir andere Instrumente!
Was ganz wichtig ist, nämlich dass behinderte Menschen einbezogen werden im Hinblick einer Selbsteinschätzung ihres Hilfebedarfes.

Freak-Radio: Andere Instrumente: Welche wären das konkret?

Mag. Dorothea Brozek: Wir kennen in der Persönlichen Assistenz am Arbeitsplatz, die es als Richtlinie vom Ministerium für Soziales und Generationen seit 2004 gibt, auf der Grundlage von zwei Jahren Pilotversuch seitens der WAG, das erste Bundesregelwerk, welches Persönliche Assistenz beschreibt und definiert - und zwar im Sinne der Persönlichen Assistenz und im Sinne behinderter Menschen:

Und da gibt es auch so ein Setting, das zur Feststellung des Assistenzbedarfs angeführt ist: Das ist die Assistenzkonferenz. Das ist ein regelmäßiges Zusammentreffen der zuständigen Behören, in diesem Fall das Bundessozialamt, aber auch, weil Persönliche Assistenz ganzheitlich betrachtet werden muss (denn wenn ich in der Früh nicht aus dem Bett komme, hilft mir die Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz auch nicht) die Länder, deren Aufgabe die Finanzierung in den anderen Lebensbereichen ist. In der Assistenzkonferenz werden also auch Vertreter des jeweiligen Bundeslandes eingeladen und die betroffene behinderte Person, die Assistenz möchte, hat auch das Recht, sich selbst zu vertreten und wird von der Assistenzservicestelle, in Wien ist das die WAG, begleitet.

Das ist ein runder Tisch, an dem der Assistenznehmer, die Assistenznehmerin (das ist die behinderte Person) ihre Situation beschreibt, definiert, warum sie wofür Persönliche Assistenz braucht und ihren Assistenzbedarf formuliert gegenüber den Behörden. Was den Lebensbereich »Arbeit« betrifft, wird an Ort und Stelle von der zuständigen Behörde, nämlich dem Bundessozialamt, dann der genehmigte Assistenzbedarf zur Kenntnis genommen. Dieser Assistenzbedarf, der dort beantragt wird, wird vorher mit den AssistenznehmerInnen und der Assistenzservicestelle, also der WAG ausführlich vorbereitet, besprochen und dann eben an diesem runden Tisch vorgelegt.
Der Vorteil eines solchen ganz anderen Settings im Gegensatz zu den Akten- und Anträge-Schreiben, ist dass hier Menschen aus Fleisch und Blut zusammenkommen und direkt miteinander agieren können. Wenn es Verständnisprobleme gibt, dann kann die Behörde gleich nachfragen. Sie macht sich dann mit allen Sinnen ein Bild zu der Person und zu dem Anliegen und dem Antrag. Das wird gleich erledigt.

Die Vertreter der Länder sind bei uns in Wien dabei, Vertreter des Fonds Soziales Wien, die waren übrigens von Anfang an, damals noch als MA 12, als wir noch in der Pilotphase waren, dabei. Da, wo sie können, können sie Informationen geben. Aber in Wien fehlen noch Rahmenbedingungen zur Persönlichen Assistenz

Freak-Radio: Bevor ich zu Wien komme, noch eine andere Frage zu diesem Modell: Sie haben das Pflegegeld jetzt schon als eher altmodisches Modell bezeichnet und das jetzt gegenübergestellt dem Projekt für Persönliche Assistenz auf dem Arbeitsplatz und einen moderneren Ansatz gezeigt. Ist dieser Ansatz jetzt insoferne zukunftsfähig, als dass man nun wegkommt von den »Göttern in Weiß«, den medizinischen Experten, hin zu ExpertInnen in eigener Sache?

Wenn ja, dann daran anschließend eine grundsätzliche Frage: Wie groß ist die Aktivität von Menschen mit Behinderung derzeit, wie groß ist die Partizipation: Hat das abgenommen oder hat das zugenommen?
Immerhin haben damals bei der Einführung des Pflegegeldes nur die Betroffenen dafür gesorgt, dass das gekommen ist, durch einen großen Hungerstreik schon während der wichtigen Koalitionsverhandlungen zwischen SPÖ und ÖVP damals - wenn ich mich recht erinnere:
Es war jetzt ein Bündel an Fragen, die ursprüngliche Frage war die Orientierung weg von den Ärzten hin zu den ExpertInnen in eigener Sache.

Mag. Dorothea Brozek: Dieser Vergleich, »Götter in Weiß«, als Symbol dieses medizinischen Modells im Gegensatz zu den ExpertInnen in eigener Sache, eben Personen, die behindert sind, das ist der Paradigmenwechsel, der auch in der Behindertenpolitik langsam vollzogen wird, und der ganz wichtig ist für eine Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen, behinderter Männer und Frauen in unserem Land: Also nicht ausgehend von Diagnosen, denn was sagen denn Diagnosen über Menschen? Gar nichts! Diagnosen machen einen Stempel, Diagnosen sondern aus, Diagnosen reduzieren uns auf das, was wir nicht können. Es werden also Chancen und Möglichkeiten vorweg gar nicht gesehen, nur das, was nicht getan werden kann - also aufs Defizit reduziert.

Das ist das medizinische Modell, das ist einfach altmodisch, das diskriminiert uns behinderte Menschen und das wollen wir nicht!

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und die Vertreter und Vertreterinnen dieser Bewegung fordern und sehen Behinderung im sozialen Modell, im sozialen Kontext. Das heißt, es ist nicht grundsätzlich die Behinderung, die uns behindert, sondern es sind immer die Rahmenbedingungen, die letztlich zu einer Behinderung führen! Und diese sind von Menschen gemacht und veränderbar und deswegen so hoch politisch.

Es gibt nicht ein bisschen Selbstbestimmung, nicht ein bisschen Diskriminierung, auch nicht ein bisschen weniger Diskriminierung. Wenn Vertreter der Politik und der Behörden wollen, dass behinderte Menschen inmitten der Gesellschaft selbstbestimmt leben, dann müssen sie auch Taten zeigen: Und dann müssen sie Rahmenbedingungen setzen, die uns das ermöglichen, mit allen Pflichten und Rechten!

Soweit zu diesen zwei Modellen. Die Rahmenbedingungen müssen dieses neue Modell auch widerspiegeln.

Freak-Radio: Nun sind die Rahmenbedingungen die eine Sache und die Aktivität der Betroffenen die andere Sache. Wie sieht es denn damit aus?

Mag. Dorothea Brozek: Das ist eine sehr schwierige Frage: Grundsätzlich hat die Behindertenbewegung tatsächlich immer wieder sehr viel bewegt! Die Aktiven wünschen sich immer, dass noch mehr aktiv sind, ich glaube, da spreche ich für uns alle. Aber ich merke schon, dass sich immer weniger behinderte Menschen, das gefallen lassen, was noch vor zehn Jahren sich andere gefallen lassen haben. Wenn ich mir die junge Generation ansehe, die Anfang 20-Jährigen: Die werden sich sicher nicht so viel bieten lassen, wie die Generation davor und ich bin ganz hoffnungsfroh, dass die Bewegung immer stärker wird.

Auf der anderen Seite sind behinderte Menschen ja ein Teil der Gesellschaft und sind nicht abgekoppelt zu sehen. Da ist schon der Trend einer gewissen Politikverdrossenheit festzustellen: Dass einen das vielleicht doch nicht so sehr interessiert. Und Hauptsache, ich richte es mir, und Hauptsache, ich finde meine Lösung!
Also das spüre ich schon auch. Das ist nichts, was die Behindertenbewegung so spezifisch macht, sondern es ist ein Trend unserer Gesellschaft, hat mit der Individualisierung zu tun, auch mit der Ellbogengesellschaft. Diesen Trend gibt es halt leider auch. Gerade hier nützen das oft Behörden und Politik schamlos aus - schamlos!

Freak-Radio: Das bedeutet, dass man im Einzelfall planiert und Lösungen für die Öffentlichkeit findet, aber nicht im Großen? Heißt das, dass die Individualisierung zwar positive Folgen hat, als man sich nicht alles bieten lässt, aber auf der anderen Seite dazu führt, dass die Solidarität nicht mehr so groß ist?

Mag. Dorothea Brozek: Die Betroffenen, die auf den Tisch hauen können und sehr laut schreien: »Mit mir nicht!«, da werden dann Einzellösungen - und da sage ich schon auch: »Gottseidank!« - ermöglicht, aber diese allgemeinen Rahmenbedingungen, die fehlen schon viel zu lange in vielen Bereichen.
Das meine ich mit »schamlos ausnützen«. Es ist auch ein bisschen etwas vom Prinzip: »Teile und Herrsche!« Denn die, die sich nicht so gut auf die Beine stellen können und ihre Anliegen formulieren können, ja die können auch nicht am politischen Prozess teilnehmen und aufbegehren, wenn sie es nicht einmal für sich selbst tun können!
Und so wird die Bewegung geschwächt.

Freak-Radio: Sie haben jetzt immer wieder von den Rahmenbedingungen gesprochen: Wie sehen diese Rahmenbedingungen in Wien aus und wie groß ist der Spielraum von Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wien?

Mag. Dorothea Brozek: Hier möchte ich mich jetzt gerne auf die Persönliche Assistenz beschränken, denn das wäre sonst ein zu großes Thema: Ich kann sagen: Einerseits hat es mit 2002 mit Gründung der WAG im Rahmen des Behindertenhilfegesetzes die Möglichkeit gegeben, gleichsam auf einem Hilfskonstrukt Persönliche Assistenz in einem bestimmten Ausmaß über die Wiener Assistenzgenossenschaft zu organisieren.

Das war so ein Beginn, als die Stadt Wien bereit war, etwas auszuprobieren: Im Laufe der ersten zwei Jahre stellte sich heraus, dass das für einzelne Menschen zu wenig Stunden waren, konkret sind es acht Stunden die Woche, die mit dieser »kleinen Pauschale« , die da finanziert wird, möglich sind. Einige unserer Kundinnen und Kunden und Genossenschaftsmitglieder sind einfach hartnäckig und kämpfen um ihre Möglichkeiten und um ihr Recht: Und dann gab es die Entwicklung, dass die sogenannte »große Pauschale«, da gingen sich dann doppelt so viele Stunden aus, in Form einer Direktzahlung zugesprochen wurde: Das war die zweite Entwicklung.

Aber immer dann, wenn wir mit der Behörde grundsätzlich über Persönliche Assistenz diskutieren wollten, kam lange Zeit die Antwort: So etwas kennen wir überhaupt nicht!
Persönliche Assistenz gibt es überhaupt nicht in Wien, denn das was jetzt geleistet wird, ist ja überhaupt nur Behindertenhilfegesetz, das ist ja ganz etwas anderes. Ich tue mir jetzt auch schwer beim Beschreiben, denn es war so schwer zu fassen. Das war der Beginn.

Freak-Radio: Acht Stunden, 16 Stunden, das bezieht sich natürlich vermutlich auf den Tag...

Mag. Dorothea Brozek: ... Das bezieht sich auf die Woche. ...

Freak-Radio: Auf die Woche? Aber acht Stunden oder 16 Stunden sind ja trotzdem viel zu wenig?

Mag. Dorothea Brozek: Das ist gerade für Menschen, die Persönliche Assistenz brauchen, sehr oft viel zu wenig! Eine Herausforderung hier war und ist, dass die Stadt Wien bislang keine Stundenfinanzierung in der Behindertenhilfe kennt, sondern nur pauschale Zahlungen. Das war auch so eine Herausforderung, weil man nie den Hilfebedarf gegenüber der Behörde formulieren konnte, denn die kannte nur Pauschalen.

Der Tenor war: »macht's halt mit den Pauschalen die Persönliche Assistenz so, wie es möglich ist!« Wir hatten auch keine Vorgaben. Wir haben dann natürlich die Pauschalsätze durch unseren Stundensatz dividiert und so viele Stunden waren dann möglich...

2004, als die Richtlinie für Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz vom Ministerium erlassen worden ist, war dann schon ein neuer Schritt, weil es seitdem für den Lebensbereich Arbeit eine Finanzierung gibt: Behinderte Menschen haben die Möglichkeit, Persönliche Assistenz für diesen Lebensbereich finanziert zu bekommen, unabhängig vom Einkommen und so viel notwendig ist.

Jetzt sind die Bundesländer schon ein wenig in der Pflicht: Denn wenn behinderte Menschen nicht diese ganzheitliche Persönliche Assistenz haben können, dann wird Berufstätigkeit behinderter Menschen unterbunden und verhindert. Das müssen sich die Bundesländer gefallen lassen! Denn wenn es auf der einen Seite im Arbeitsbereich möglich ist, und weil es doch viele Personen gibt, die eine umfassenden Assistenz brauchen, dann haben sie nichts davon, wenn sie in der Früh, wie schon gesagt, nicht aus dem Bett kommen!

Die Bundesländer sind ganz verschieden weit. In Wien ist es jetzt so, dass es seit einem Jahr eine Arbeitsgruppe des Fonds Soziales Wien gemeinsam mit betroffenen Experten und Expertinnen gibt - die WAG ist auch dabei - an Rahmenbedingungen gemeinsam arbeitet. Informell habe ich schon gehört, dass Mitte September den Modellversuch für Persönliche Assistenz in Wien kundmachen möchte.

Freak-Radio: Im Oktober sind Wahlen. Kann die Legislative in Wien da noch überhaupt Entscheidungen treffen und wie sehr wird das dann bindend sein? Erwarten Sie, dass das dann bindend ist?

Mag. Dorothea Brozek: Da wird sich zeigen, wie viel »Handschlagqualität« die Verantwortlichen haben, und wie viel sie vor der Wahl auch bereit sind zu fixieren - und für welche Rahmenbedingungen sie sich engagieren. Und was sie wirklich für behinderte Menschen wollen: Wollen sie ein bisschen Persönliche Assistenz mit den modernen »direkt payments«, was natürlich Grundlage der Persönlichen Assistenz ist. Aber es wird ja immer darauf geschaut, dass es ja nicht zu viel ist, weil immer gedeckelt wird und auf die Möglichkeit des Arbeitgebermodells verwiesen wird, in dessen Rahmen sich die Kunden alles organisieren können/müssen, »wenn es bei der WAG zu teuer wird« - das ist das Eine.

Freak-Radio: Das heißt beim Arbeitgebermodell, dass sich die Kunden alles selbst machen müssten inklusive Buchhaltung und Verrechnung?

Mag. Dorothea Brozek: Genau: Das ist die eine Möglichkeit, die ich heraushöre: Natürlich habt Ihr Wahlmöglichkeit, ihr bekommt dann halt einen Geldbetrag und könnt Euch Assistenz organisieren, und wenn dann in den Diskussionen ein bisschen ans Tageslicht dringt, dass es unter Umständen nicht reicht, dann heißt es neuerdings: Naja, aber im ArbeitgeberInnenmodell wird es schon reichen!

Da wird die Diskussion nicht nachvollziehbar. Denn auf der einen Seite gibt es sehr mühsame Diskussionen, ob überhaupt behinderte Menschen für sich anleiten können und die AssistentInnen gut einschulen können, wie sie liegen wollen, wie sie auf die Toilette gehoben werden, mit der sogenannten »Anleitungskompetenz« gibt es oft Zweifel seitens der Behörden, ob das die Menschen mit Behinderung tatsächlich für sich übernehmen können, wenn sie nicht diplomiertes oder geschultes Personal haben. Da macht man sich in den Diskussionen viele Sorgen, aber wenn es dann um die Kosten geht, macht man sich dann plötzlich keine Sorgen, alle behinderten Menschen in das Arbeitgebermodell zu schicken.

Da frage ich mich dann schon, sind alle Menschen als Arbeitgeber geboren? Kann das jeder einfach so ohne Beratung? Viel werden es können - ja! - und das ist gut so. Und behinderte Menschen sollen dazu auch die Möglichkeit haben. Aber sie sollen vor allem die Möglichkeit haben zu entscheiden: Mache ich das wirklich als Arbeitgeber oder mache ich das zum Beispiel als Kundin bei der WAG?

Freak-Radio: Mir kommt so vor, als würde man von einem Extrem ins andere fallen: Einerseits die extreme Unselbständigkeit, die auch heute noch, und auch in Wien, in Heimen zu finden ist, wo unbeeinflusst vom Individuum bestimmte Zeiten festgelegt werden und einfach bestimmte Dinge einfach geregelt sind, und es darüber kaum etwas zu diskutieren gibt, und auf der anderen Seite muss man doch Selbständigkeit auch lernen können. Spielt sich das tatsächlich in diesen Extremen ab - denn das Heim ist ja noch immer Realität für viele - oder ist das dann gar nicht drin in den Denkmodellen.

Würden nicht viele vielleicht selbstbestimmter leben wollen als im Heim, wenn sie könnten? Ist es dann nicht extrem, wenn man da sagt, na gut, aber wenn, dann müsst ihr Euch dann gleich alles selbst organisieren?

Mag. Dorothea Brozek: Die Wiener Assistenzgenossenschaft ist ja nicht ein klassischer Anbieter. Wir sind ein Zusammenschluss von behinderten Menschen, welche die AssistenzGenossenschaft gegründet haben, um gemeinsam als ExpertInnen in eigener Sache Persönliche Assistenz zu organisieren. Unser Zweck war, dass wir nicht wollen, dass sich eben die Starken, die laut schreien können, sich ihre Einzellösungen erstreiten können - was, ich unterstreiche es noch einmal gut ist, denn ohne die Pioniere wären wir nicht so weit - aber wir Gründer und Gründerinnen der WAG sind der Ansicht, dass alle behinderten Menschen, die es wollen und brauchen und wo es notwendig ist, mit persönlicher Assistenz leben sollen. Und das muss man lernen!

Ein Prinzip von Persönlicher Assistenz ist, dass wir auf Basis des »Peer Prinzips« von einander lernen, uns weiterbilden und schulen, nämlich Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen zu sein - das ist auch einer der Bausteine der Wiener Assistenzgenossenschaft. Genauso wie wir es bei den Kolleginnen und Kollegen in Schweden gesehen haben: Wenn wir uns jetzt Herrn und Frau Meier von der Straße (ohne Behinderung) hernehmen und ihn oder sie als Arbeitgeber irgendwo platzieren würden und der oder die müsste einen Einpersonenbetrieb führen - diese Person würde ohne Schulung ganz schön ins Schwimmen kommen!

Und behinderten Menschen, denen man zuerst gar nicht zutraut, wenn sie es brauchen, dass sie etwas können, dann, wenn es ums Geld geht, Ihnen gleich das Arbeitgebermodell präsentiert, das finde ich auch schamlos!

Freak-Radio: Was wäre im Augenblick für Sie das Wichtigste? In welche Richtung gehen heuer die Energien der Wiener Assistenzgenossenschaft?

Mag. Dorothea Brozek: Die Energien gehen zum einen, den Qualitätsstandards für unsere Kundinnen und Kunden, für unsere Genossenschaftsmitglieder einfach weiter zu entwickeln: Das heißt, das wir weiterhin unsere Seminare >Managen will gelernt sein« ausbauen werden und sie jetzt auch zweimal im Jahr anbieten werden - im Sinn einer Ausbildung für unsere Kunden, damit sie gute Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sein können.

Natürlich auch in die Zusammenarbeit mit Behörde und Politik, damit wir zu einer guten Rahmenbedingung, zu einer befriedigenden Rahmenbedingung für Persönliche Assistenz in Wien kommen. Ich bin ein positiv denkender Mensch und ich bin überzeugt, dass wir das auch schaffen - gemeinsam mit allen Verantwortlichen, die das auch wollen? Und bei all der Skepsis, die ich vorher auch artikuliert habe, glaube ich, dass es mittlerweile so viele Verantwortliche gibt, die es wollen, dass Persönliche Assistenz in Wien nicht mehr aufzuhalten ist!

Weiters die Energie, die jetzt ganz zentriert gerichtet ist, ist auf die Umsetzung des Kollektivvertrages für Gesundheits- und Sozialberufe. Das ist uns ganz wichtig und ein wesentlicher Qualitätsstandard. Die Persönliche Assistenz als Berufsbild zu entwickeln und mitzugestalten, wäre auch ein Ziel.

Unser gesamtes Team wird derzeit gefordert durch die Umsetzung einer neuen Software, die uns ein neues Erscheinungsbild im Internet verschaffen wird, aber jetzt fordert sie uns hauptsächlich.

Zu guter Letzt: Wir werden im Herbst eine neue Geschäftsstelle in St. Pölten eröffnen, das heißt es wird ein heißer Sommer und ein heißer Herbst auf jeder Ebene!

Freak-Radio: Danke für das Gespräch!

(Musik)

Moderator, Gerhard Wagner: Damit sind wir wieder am Ende dieser Sendung. Nächst Woche hören Sie als zweiten Teil unseres Wien-Wahl-Schwerpunktes eine Aufzeichnung aus dem ORF-KulturCafe, nämlich eine Diskussion mit Politikerinnen zum Thema: Herbstwahl in Wien - Zielgruppe Menschen mit Behinderung? Auch dann werde ich Sie wieder begrüßen. Sie können auch selbst im ORF-KulturCafe mitdiskutieren. Am Mittwoch, dem 7.9. ab 11 Uhr in der Argentinierstraße 30a, Eingang beim Shop.
Bis dahin wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend ! Es verabschiedet sich namens des gesamten Freak-Radio Teams Gerhard Wagner.


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